
Von Mohammed Abdulwahab al-Schaibani
Dichter und Schriftsteller
Die Jemeniten haben eine lange Geschichte der Diaspora und der Zerstreuung in verschiedenen Ländern, seitdem der Einzelne aufgrund von Dürren und Kriegen die Stabilität in seiner Heimat und den geografischen Lebensräumen verloren hat. Ein besonders eindrückliches historisches Beispiel ist die Einbindung jemenitischer Kräfte in die islamischen Eroberungskriege – dokumentiert in den Geschichtsbüchern – und schon davor die Wanderung ganzer Stammesgruppen in den Norden der Arabischen Halbinsel und deren Randgebiete nach dem Einsturz des Marib-Staudamms.
Die Betrachtung von Migration und Flucht in der neueren jemenitischen Geschichte (20. Jahrhundert und seine Fortsetzung bis in die Gegenwart) erfordert die Analyse sowohl erzwungener als auch nicht erzwungener Ursachen in unterschiedlichen Kontexten und Mustern. Während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) etwa benötigten die Osmanen in ihrer zweiten Besatzungsphase Jemens kampferprobte Männer, um ihre Truppen in Europa (Balkan), Asien (Syrien, Irak, Hedschas) und Afrika (Libyen) zu unterstützen.
Als das Osmanische Reich durch die Begehrlichkeiten der neuen europäischen Kolonialmächte (Frankreich und Großbritannien) unter Druck geriet, warf es – wie auch in anderen besetzten Gebieten – Hunderte junger Jemeniten in die Verteidigungsschlachten dieser Regionen. Diese Praxis wurde als „Dschihadiya“ (osmanische Zwangsrekrutierungspflicht) bekannt. Viele der Rekruten wurden getötet, vermisst oder gerieten in Gefangenschaft. Jene, die überlebten, ließen sich in den Ländern nieder, in denen sie gekämpft hatten, gründeten Familien, die sich mit der Zeit zu Sippen entwickelten, und deren Nachfahren bis heute stolz auf ihre jemenitische Herkunft in Jordanien, Palästina, der Levante, im Irak, in Libyen und anderswo verweisen.
Nach Ende des Ersten Weltkriegs benötigten die neuen Kolonialmächte – gestützt auf das osmanische Erbe und getrieben von ihren expandierenden Wirtschafts- und Handelsinteressen – Arbeitskräfte für ihre Handelsschiffe, Häfen und Fabriken. Aden wurde so zum Sprungbrett für viele junge Männer aus den ländlichen Regionen in die Welt jenseits der Meere.
Beispielhaft dafür stehen jemenitische Arbeiter, die in den 1920er-Jahren in US-amerikanischen Autofabriken beschäftigt wurden, ebenso wie jene, die in britischen, französischen und amerikanischen Häfen arbeiteten oder auf Handelsschiffen die Ozeane befuhren. Aus dieser Seefahrtstradition ragen zwei Persönlichkeiten hervor, die den Einfluss der Migration verdeutlichen: Hail Saeed und Abdullah Ali al-Hakimi.
Der erstere begann seine berufliche Laufbahn Mitte der 1920er-Jahre auf französischen Schiffen, arbeitete anschließend mit seinem Bruder in einer Ölfabrik in Marseille, bevor er zehn Jahre später nach Somalia ging, um dort als Vertreter eines französischen Lederhändlers sein Handelsgeschäft aufzubauen.
Der zweite diente zunächst in der ersten jemenitischen Einheit, die von der britischen Armee Anfang der 1920er-Jahre aufgestellt wurde. Nach fünf Jahren verließ er das Militär und heuerte auf einem französischen Schiff an. Anfang der 1930er-Jahre wandte er sich dem Sufismus zu und ließ sich in Mostaganem bei Scheich Ahmad Mustafa al-Alawi nieder, von dem er umfangreiche religiöse, juristische und sprachliche Kenntnisse erwarb.
Später zog er nach Europa und ließ sich Mitte der 1930er-Jahre in Cardiff (Großbritannien) nieder, wo er eine Moschee gründete und ein Grundstück als muslimischen Friedhof stiftete. Anfang der 1940er-Jahre kehrte er nach Aden zurück, gründete in Sheikh Othman eine Schule und eine religiöse Stiftung und gehörte zu den ersten Mitbegründern der Freiheitspartei (Hizb al-Ahrar). Nach dem Scheitern der Revolution von 1948 veröffentlichte er in Cardiff die Zeitung al-Salam, die als Stimme der verbliebenen Freiheitskämpfer fungierte.
Als 1952 die Jemenitische Union als Ersatz für die von den Kolonialbehörden verbotene Freiheitspartei gegründet wurde, übernahm er deren Leitung in Aden. Doch die britischen Behörden konstruierten gegen ihn den Vorwurf des Waffenbesitzes und der Aufruhr. Er wurde inhaftiert und starb wenig später im Gefängnis – mutmaßlich durch Vergiftung.
In den Fußstapfen dieser beiden Pioniere folgten viele weitere Migranten, die zur Sache der jemenitischen Freiheitsbewegung beitrugen und den Weg in Richtung des großen Wandels ebneten. Besonders hervorzuheben ist der Seemann Muhammad Abdulwasih Hamid al-Asbahi, der als armer, analphabetischer Junge nach Aden und später nach Dschibuti auswanderte und sich durch seinen Fleiß zu einer herausragenden Persönlichkeit des modernen Jemen entwickelte. Ebenso bedeutsam ist die Biografie von Muhammad Salih al-Saidi aus dem Dorf al-Schiʿr (Gouvernement Ibb), der auf einem britischen Schiff anheuerte und dessen Lebensgeschichte – später aufgezeichnet vom Historiker Ahmad al-Saidi – stellvertretend für die vielen in dieser harten Branche steht.
Die Geschichte wird auch Ahmad Abdu Nasher al-Urayqi und Abdelghani Mutahar nicht vergessen, die mit ihren in Afrika erworbenen Vermögen die Freiheitsbewegung großzügig unterstützten. Sie und viele andere jemenitische Migranten leisteten damit einen unschätzbaren Beitrag zum schwierigen Weg der nationalen Veränderung. Ihre Vergleiche zwischen der rückständigen, abgeschlossenen Heimat, die von einem theokratisch-autoritärer Herrscher regiert wurde, und den dynamischeren Gesellschaften ihrer neuen Lebensmittelpunkte ermutigten sie, entschlossen für den Wandel einzutreten – trotz aller Hindernisse.
Heute zeigt sich ein neues Bild der jemenitischen Diaspora – geprägt vom Krieg und seinen andauernden Folgen. Inzwischen haben Aufnahmeländer auf allen Kontinenten Hunderttausende Jemeniten aufgenommen, die vor Krieg und Unterdrückung geflohen sind.
Doch diese neue Migration unterscheidet sich von jener vor über hundert Jahren: Die heutigen Emigrierten sind Wissenschaftler, deren Expertise Universitäten und Forschungszentren weltweit zugutekommt, Unternehmer, die aufgrund fehlender Sicherheiten im Inland nun nach stabilen Investitionsumfeldern im Ausland suchen, sowie Aktivisten, Künstler und Kreative, die in ihrem Heimatland keinerlei Raum zur Entfaltung hatten – blockiert durch eine religiös und politisch geprägte Diktatur.
Wie die ersten Migranten, die seit den 1940er-Jahren die Sache der jemenitischen Freiheitskämpfer unterstützten und den Weg zur Septemberrevolution ebneten, so werden auch die heutigen Migranten – Wissenschaftler, Geschäftsleute und Kreative aller Art – maßgeblich zur ersehnten Transformation Jemens beitragen.
Die drängende Frage bleibt jedoch: Sind die heutigen Emigrierten noch emotional und ideell so eng mit ihrer Heimat verbunden wie ihre Vorfahren, oder wird ihr neues, oft bequemeres Leben in den Gastländern sie in deren Strukturen absorbieren und ihre ursprünglichen Wurzeln zugunsten einer neuen Heimat hinter sich lassen – angesichts rasanter kultureller, sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen, die den „globalen Bürger“ hervorbringen, der die erste Herkunft zugunsten einer Ersatzheimat überschreitet?
