26. September und das Exil … Zwischen Revolutions­traum und Putsch­albträumen


Qobool Abdo Al-Absi

Vorsitzende der Qarar-Stiftung für Medien und Entwicklung

Im Exil ist der 26. September längst nicht mehr nur ein flüchtiges Erinnerungsdatum. Für die jemenitischen Diaspora­gemeinschaften ist er zu einem Anlass geworden, den Geist der Revolution wachzuhalten und ihre Geschichten an die nächste Generation weiterzugeben. Für die Jemenit:innen im Ausland ist dieses Datum mehr als ein nationaler Feiertag – es ist eine Stimme der Identität und ein Gedächtnis, das sich dem Vergessen widersetzt.

In Kairo etwa organisiert die jemenitische Botschaft jedes Jahr eine Feier zum Revolutions­jubiläum, an der Diplomaten und Führungspersönlichkeiten der Diaspora teilnehmen. Besonders auffällig ist das Engagement von Jugendlichen und Frauen: in traditionellen Trachten, mit Fahnen in den Händen und unter dem Klang der Nationalhymne – eine Szenerie, die Sehnsucht mit Stolz verbindet.

Der junge jemenitische Statistiker Suhail Yassin sagt:

„Für mich bedeutet die Revolution dasselbe wie für die Menschen im Inneren des Landes: Sie ist ein lebendiges Gedächtnis, das die Schritte unseres Volkes bewahrt und uns ermöglicht, den Aufbau dort fortzusetzen, wo die Vorigen aufgehört haben. September ist eine Etappe, aus der wir Selbstvertrauen schöpfen. Er verankert in der jemenitischen Persönlichkeit den Glauben an unsere Fähigkeit zur Selbstverwaltung. Und er ist auch ein symbolisches Reservoir, zu dem wir stets zurückkehren, um Werkzeuge und Wege zu finden, die Fehler zu korrigieren, die den republikanischen Kurs verzögert haben.“

Die jemenitische Autorin Jolan al-Wuraidi fügt in einem zutiefst persönlichen Ton hinzu:

„Der 26. September ist für mich nicht nur ein Datum, das im Gedächtnis einer Heimat verankert ist, die ich zurücklassen musste. Er ist das letzte, was vom Kampf übrigblieb – eine brennende Brücke, die mich mit meinen Wurzeln verbindet. Die Revolution verwandelt sich von einem nationalen Ereignis in ein persönliches Ritual, das ich umarme, so wie ein Fremder alte Familienfotos umklammert. Wir treffen uns in kleinen Kreisen, tragen unsere Herzen wie Fahnen und klatschen zu den Liedern der Revolution, weil das Klatschen in Freiheit im Exil das Größte ist, was uns bleibt.“

Solche Zeugnisse werden in kulturellen Abenden und Veranstaltungen weitergetragen, begleitet von Nationalhymnen und symbolischen Feiern der Diaspora in verschiedenen Ländern. In Kairos Straßen und in anderen Städten, wo sich die jemenitische Gemeinschaft versammelt, zeigt sich das Jubiläum in spontanen Festen: mit wehenden Fahnen, patriotischen Liedern und Geschichten der Großeltern über die Geburt der Republik. Hinter diesen Initiativen stand nie staatliche Unterstützung – sie entspringen dem Glauben von Jugendlichen und Frauen an die Heiligkeit dieses Tages. Für sie ist der 26. September keine bloße Jahreszahl, sondern eine lebendige Identität und ein sich jedes Jahr erneuerndes Gelöbnis, egal wie sehr Orte und Umstände sich ändern.

Jolan al-Wuraidi fasst es so zusammen:

„Manche wurden im Haus geboren, ohne jemals den Schlüssel gesehen zu haben – so geht es der neuen Generation: Sie lebt zwischen zwei Zeiten, der Zeit der Revolution, die sie nie erlebt hat, und der Zeit des Exils, in die sie hineingeboren wurde. Manche haben den Faden zu ihren Wurzeln verloren, aber wir alle wissen, dass wir von dort begonnen haben.“

Suhail Yassin sieht die Bindung der jungen Generation an September je nach Migrations­phase und Aufnahme­bedingungen unterschiedlich. Einige verließen den Jemen nach den Rückschlägen des Staatsprojekts und der Machtübernahme der Huthi-Bewegung 2014. Sie tragen tiefe Enttäuschung, finden aber in der Erinnerung an September Trost und Beharrlichkeit. Er sagt:

„So groß Schmerz und Ungerechtigkeit auch sind – September hat doch ein Kapitel geschlossen, das weitaus härter und dunkler war.“

Ganz anders stellt sich die Lage im Inneren dar. Am Morgen des 26. September 1962 ging im Nordjemen (Nordjemen) eine neue Sonne auf: Die Revolution stürzte das über Jahrhunderte herrschende Imamat und rief die „Arabische Republik Jemen“ aus. Dieser Moment markierte den Beginn einer neuen Ära, in der Jemenit:innen von Freiheit, Gleichberechtigung, Bildung und Gesundheit für alle träumten.

Die Revolution gehörte dabei nicht nur den Männern – Frauen waren von Anfang an Mitstreiterinnen. Sie beteiligten sich an Demonstrationen und Protesten, trugen zur Verbreitung des revolutionären Bewusstseins bei, unterstützten logistisch und im Sanitätsdienst und engagierten sich in der Politik. Dank dieser Opfer wurden die großen Ziele der Revolution verwirklicht: die Gründung eines republikanischen Systems, das Demokratie und Gleichheit versprach – ohne Diskriminierung nach Geschlecht, Herkunft oder Religion.

Doch der Traum blieb unvollendet. Mehr als ein halbes Jahrhundert später fanden sich die Jemenit:innen einer Rückkehr zur Vergangenheit gegenüber, die sie längst überwunden glaubten. Am 21. September 2014 übernahm die Huthi-Bewegung die Kontrolle über Sanaa – eine neue Phase des Konflikts begann, die die Errungenschaften der Revolution schwer traf. Frauenrechte, für die Generationen gekämpft hatten, wurden zurückgedrängt. Bewegungs-, Bildungs- und Arbeitsfreiheit wurden eingeschränkt, Aktivistinnen und Berufstätige festgenommen oder zwangsweise verschwinden gelassen – wie Menschenrechts­organisationen dokumentierten.

Mit der Zeit wurde das Jubiläum des 26. September im Inneren zu einem unterdrückten Ereignis. Schulen durften keine nationalen Feiern mehr abhalten, das Hissen der Nationalflagge wurde verboten und durch die Symbole des 21. September ersetzt. Selbst Lehrpläne in den Grundschulen wurden geändert: Hinweise auf die Revolution entfernt, Lektionen über Staat, Gewaltenteilung und Despotismus gestrichen – ersetzt durch Inhalte, die die Erzählung der Bewegung über Identität und einen angeblichen „Verteidigungskrieg“ verbreiten.

So wie die Miliz im Inneren versucht, die Spuren der Revolution zu tilgen, halten die Jemenit:innen im Ausland sie umso entschiedener lebendig. Frauen erzählen ihre Geschichten als persönliches Erbe, Jugendliche machen sie zum Teil eines zeitgenössischen politischen Diskurses, Gemeinschaften organisieren Bildungs- und Kulturveranstaltungen für ihre Kinder.

Die Feier von September im Exil ist kein bloßes Nostalgie­ritual, sondern ein Akt kulturellen und politischen Widerstands – ein Schutz für eine bedrohte nationale Identität. Sie erinnert daran, dass die Revolution kein abgeschlossenes Ereignis ist, sondern ein offenes Projekt, das Generationen miteinander verbindet und ihnen Kraft gibt, dem Vergessen zu widerstehen – in Erwartung jenes Tages, an dem der 26. September wieder frei und furchtlos in den Straßen des Jemen gefeiert wird, so wie an seinem ersten Morgen